Paul Breitner – Der Querdenker

Kaum ein Spieler hat den deutschen Fußball so nachhaltig geprägt wie Paul Breitner. Von der brasilianischen Fußballlegende Pele wurde er 2004 in die Liste der 125 besten noch lebenden Fußballer gewählt. Neben seinen fußballerischen Qualitäten, mischte sich der leidenschaftliche Bayer auch abseits des Rasens in wichtige Diskussionen ein und sorgte mit seiner kritischen Art für wichtige Impulse.

Erzogen zur Mündigkeit

Der 1951 in Kolbermoor geborene Breitner wuchs als einziger Sohn eines Verwaltungsbeamten im oberbayerischen Freilassing auf. Er galt als fleißiger Schüler und doch widmete er jede freie Minute seiner großen Leidenschaft dem Fußball. Mit 10 Jahren wechselte er von seinem Heimatverein zur Jugendabteilung des ESV Freilassing, die zu dieser Zeit von seinem Vater trainiert wurde.

Von seinem Elternhaus hatte er mitbekommen, dass er Dinge stets hinterfragen und für seine eigenen Rechte stets eintreten solle. So entschied sich der emsige Breitner nach seinem erfolgreichen Gymnasialabschluss 1970 dazu ein Studium an der Pädagogischen Hochschule in München-Pasing, mit dem Berufsziel Sonderschullehrer, zu beginnen. Bereits 1968 gelangte er in den Kader der DFB-Jugendnationalmannschaft. Bei den dortigen Lehrgängen teilte er sich mit seinen späteren Weggefährten Uli Hoeneß ein Zimmer. Der Beginn einer Freundschaft, die noch immer Bestand hat.

Im März 1970 wurde Breitners DFB-Jugendtrainer Udo Lattek Trainer des FC Bayern München. Lattek brachte seine ehemaligen Schützlinge Uli Hoeneß und Paul Breitner mit zu den Münchnern und Breitner sah sich gezwungen sein Studium an der der Pädagogischen Hochschule aufzugeben. Doch Breitner beschäftigte sich trotzdem noch intensiv mit Dingen abseits des runden Leders. Er las die Schriften von Mao Tse Tung, verehrte Che Guevara und trug einen gewaltigen Afro-Look, alles andere als Standard in der bayrischen Metropole.

 Paul Breitner, der Revoluzzer aus Oberbayern

Sofort erfolgreich

Sein Profidebüt für die Bayern feierte Breitner am 15.August 1970, beim 1:1-Unentschieden gegen VfB Stuttgart . Der junge Breitner wurde sofort Stammspieler bei den Münchnern. Lattek schulte den jungen Bayern vom Stürmer, um zu einem modernen offensiven Außenverteidiger, der sich aktiv am Angriffsspiel beteiligt. Schnell errang der junge Breitner ein hohes Standing in der Mannschaft, weil er sich nichts gefallen ließ und selbst mit sein 19 Jahren darauf bestand gesiezt zu werden. Am Saisonende wurden die Bayern Vizemeister und sie holten den DFB-Pokal. Die erste Trophäe für Breitner. Es sollten noch viele folgen.

Es begann die erfolgreichste Zeit in Breitners Karriere. In den folgenden drei Jahren holten die Bayern sich stets die Meisterschaft. 1974 erklommen die Bayern mit dem Gewinn des Europapokals der Landesmeister den Gipfel des europäischen Vereinsfußballs. Fast wäre es jedoch nicht dazu gekommen.

1972 bot sich Breitner der SPD als Wahlkämpfer an. Jedoch missfiel dem damaligen, sehr konservativ eingestellten Präsidenten des FC Bayern Wilhelm Neudecker die politische Haltung von Breitner. 1973 sollte Breitner sogar verkauft werden. Die Mannschaft rebellierte jedoch erfolgreich gegen den Plan des Präsidenten und Breitner durfte bleiben.

 Breitner gab sofort den Ton an und ließ sich nicht unterbuttern

Erfolge mit der Nationalmannschaft

Am 22. Juni 1971 feierte Breitner seinen Einstand für die A-Nationalmannschaft. An der Seite des jungen Berti Vogts debütierte Breitner beim 7:1-Kantersieg gegen Norwegen und wurde auch in der Nationalelf prompt Stammspieler auf der Position des linken Verteidigers. Nur ein Jahr später gewann Breitner mit einer der wohl besten Leistungen einer Nationalmannschaft mit Deutschland die Europameisterschaft. Breitner wurde nach dem Finale in die Top-Elf des Turniers gewählt.

1974 folgte bei der Heim-WM Breitners größter Moment in seiner Karriere. Bereits im ersten Gruppenspiel traf Breitner zum 1:0-Siegtreffer gegen Chile. In der Zwischenrunde erzielte er seinen zweiten Turniertreffer beim 2:0 gegen Jugoslawien. Im Finale gegen die Niederlande verwandelte der Bayer schließlich einen Elfmeter zum 1:1-Ausgleich. Dabei war Breitner gar nicht als Schütze vorgesehen. Auf die Frage warum er sich den Ball einfach geschnappt hatte, antwortete Breitner nach dem gewonnenen Turnier ganz trocken, er wäre am nächsten am Ball gestanden. Verantwortung übernehmen, das konnte er schon immer der Breitner. Jedoch überwarf sich Breitner nach dem Turnier mit Bundestrainer Helmut Schön und trat vorerst aus der Nationalmannschaft aus.

 Breitner reckt den WM-Pokal stolz in die Höhe

Weltstadt und Provinz

Nach der WM wechselte Breitner 1974 für rund drei Millionen Mark Ablöse zu Real Madrid. Bei den Madrilenen wurde Breitner als Mittelfeldspieler eingesetzt und bildete zusammen mit Günter Netzer ein kongeniales Duo. 1975 gewann er mit den Königlichen das Double aus Meisterschaft und Pokal und 1976 erneut die Meisterschaft. Im Halbfinale des Europapokals der Pokalsieger scheiterte er jedoch an seinen alten Kollegen aus München. Sein drittes Jahr in Spanien verlief weniger erfolgreich und es war Zeit für Breitner wieder weiter zu ziehen. Wie Breitner später sagte war seine Zeit in Madrid wichtig für ihn um zu lernen, wie wichtig es ist für einen Spieler, als Mensch zu gelten und geachtet zu werden.

Nach der Saison 1976/77 hatte Breitner das Gefühl er wäre noch zu jung um für immer bei den Königlichen zu bleiben. Es hagelte Angebote aus Frankreich, Südamerika und den USA. Doch auch seiner Frau zuliebe und da seine Töchter kurz vor der Einschulung standen, zog es Breitner zurück nach Deutschland. Jedoch nicht direkt zu den Bayern. Die Rolle als verlorener Sohn zurück zur Heimat zu wechseln behagte Breitner nicht.

So standen zuerst alle Zeichen auf einen Wechsel zum Hamburger SV. Als dessen Manager Dr. Peter Krohn jedoch zu lange zögert, gelingt dem Chef des Hauses Jägermeister und millionenschwerem Sponsor von Eintracht Braunschweig einer der größten Transfercoups der Bundesligageschichte. Für 1,6 Millionen Mark wechselte der Welt-und Europameister nach Niedersachsen.

Die Zeit in Braunschweig war jedoch geprägt von viel Missgunst seitens seiner Mitspieler. Mit einem Jahresgehalt von 400.000 Mark sprengte der Weltmeister jegliche Gehaltsgrenzen im Team . Breitner gelangen trotz dieser widrigen Umstände 10 Saisontreffer. Nach einer Saison war das Experiment jedoch bereits gescheitert und der Bayer wechselte nun doch zu seinem Heimatklub FC Bayern zurück.

Doppeltes Comeback

In seiner zweiten Zeit beim deutschen Rekordmeister wurde Breitner schnell zum absoluten Chef im Mittelfeld und bald drauf auch Mannschaftskapitän. Zusammen mit Bayerns zweitem großen Star Karl-Heinz Rummenigge verbreitete er Angst und Schrecken bei den Gegnern und gewann 1980 und 1981 jeweils die deutsche Meisterschaft. 1982 folge noch ein Sieg im DFB-Pokal.1981 wurde Breitner zu Deutschlands Fußballer des Jahres und zudem hinter Rummenigge zum zweitbesten Fußballers Europas gewählt.

Am 29. August 1981 feierte Breitner unter Helmut Schöns Nachfolger Jupp Derwall sein Comeback in der Nationalmannschaft. Bei der WM 1982 war Breitner erneut einer der besten Spieler des Turniers und bewies im Halbfinale beim Elfmeterschießen gegen Frankreich erneut seine Nervenstärke. Zwar verlor die DFB-Elf im Finale gegen Italien, jedoch erzielte Breitner in der 83. Minute das 1:3. Somit ist Breitner einer von nur vier Spielern in der WM-Historie die in zwei WM-Endpielen jeweils einen Treffer erzielten. Wenns drauf ankam war Breitner immer da. Vor der WM hatte der findige Geschäftsmann im Rahmen einer Werbekampagne für das Rasierwasser Pitralon sein Markenzeichen, den Vollbart, zu einem Stutzbart rasiert und erhielt dafür stolze 150.000 DM. Nach der WM beendete Breitner seine Nationalmannschaftskarriere.
Nach einer von Verletzungen geplagten Saison, beendete Breitner im Sommer 1983 seine aktive Karriere. Dem Fußball blieb er jedoch als kritischer Beobachter treu. Derwalls Nachfolger Franz Beckenbauer bezeichnete er als Totengräber des Fußballs und das obwohl er mit dem Kaiser sehr erfolgreich zusammengespielt hat. Einige Jahre später wäre um ein Haar Breitner selbst Nationaltrainer geworden.

 Wenns nötig ist legt Breitner auch heute noch den Finger in die Wunde und hinterfrägt die Vorgänge beim FCB

Zu unangenehm für den DFB

Im Jahre 1998 wurde ein Nachfolger für Berti Vogts gesucht. Der damalige DFB-Präsident Egidius Braun bat Paul Breitner um Hilfe und so durfte sich Breitner nach einer Übereinkunft mit Braun für 17 Stunden als Teamchef des DFB-Teams fühlen. Einige Herrschaften im DFB-Präsidium sprachen jedoch in letzter Minute ihr Veto aus und Braun ruderte zurück. So wurde der streitbare und nie um klare Worte verlegene Breitner ausgetauscht durch Erich Ribbeck und wie das ausging wissen wir alle. Nicht jeder ist ihm eben gewachsen, dem Bayer aus Kolbermoor.

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