Günter Netzer – Die Leichtigkeit des Seins

Günter Netzer verkörperte über Jahrzehnte hinweg den Prototyp des extravaganten Spielmachers. Auf und neben dem Platz, sorgte der erste Popstar des deutschen Fußballs für Furore und brachte seine Heimatstadt Mönchengladbach auf die Fußball-Landkarte.

Anführer der Fohlen

Günter Theodor Netzer wurde am 14.September 1944 in Mönchengladbach geboren. Der Sohn eines Lebensmittelhändlers entdeckte schon sehr früh seine Liebe für den Fußball. Die Freude war somit riesig, als er als kleiner Junge einen echten Lederball geschenkt bekam. Dank des seltenen Spielgeräts durfte der kleine Günter schon früh mit den Größeren spielen. Jedoch musste er sich mit der ungeliebten Position des Torwarts begnügen. Im Alter von neun Jahren schloss sich der begabte Fußballer dem 1.FC Mönchengladbach an. Schnell spielte er im Verband Niederrhein in mehreren Jugendauswahlteams.

1963 unterschrieb der damals 19-Jährige einen Vertrag beim damaligen Regionalligist Borussia Mönchengladbach. Bei den Gladbachern erkämpfte sich Netzer schnell einen Stammplatz und wurde bereits in jungen Jahren zum absoluten Führungsspieler. 1965 gelang der Mannschaft von Trainer Hennes Weisweiler der Aufstieg in die Bundesliga. In den kommenden Jahren verzückte die junge Elf mit ihrem Spielmacher die Zuschauer und prägten eine ganze Generation. In dieser Fohlenelf spielten neben Netzer weitere spätere Legenden wie Berti Vogts, Jupp Heynckes, Wolfgang Kleff und Herbert Wimmer.

 Günter Netzer mit ungewohnter Kurzhaarfrisur

Freunde fürs Leben

Trotz seiner Schuhgröße 47, zelebrierte Netzer eine Leichtigkeit des Seins am Ball, die man so in Deutschland noch nicht kannte. Bei den Fans wurde er sofort zum Publikumsliebling. Und so war es kein Wunder, dass die Fans nach dem Aufstieg 1965 ihr Maskottchen „Jünter“ nannten. Zwar lief der Mann mit der wallenden blonden Mähne nicht all zu viel, doch machte er dies durch seine exzellente Technik, seine Passgenauigkeit und seine Übersicht mehr als wett. Als Kapitän der Mannschaft konnte er sich auf und abseits des Platzes einiges herausnehmen. Seine Mitspieler deckten ihm dabei stets den Rücken. Auf dem Platz lief Herbert Wimmer dann eben für zwei. Mit Trainer Hennes Weisweiler verband den Spieler mit der Nummer Zehn eine Hassliebe. Manchmal redeten die beiden Sturköpfe wochenlang nicht miteinander. In diesen Zeiten musste Weisweilers Ziehsohn und bester Freund Netzers, Berti Vogts den Mittelmann zwischen den beiden spielen.

Doch Netzer setzte sich stets für seine Mitspieler ein und war ein Kapitän wie er im Buche steht. Mit seinen langen Bällen aus der Tiefe des Raumes prägte er das sehr schnelle Umschaltspiel der Fohlen. Auch abseits des Rasens war Netzer für schnelle Dinge zu begeistern und so kam es schon das ein oder andere mal dazu, dass sich Vogts und Netzer in ihren Autos nächtliche Straßenrennen boten.

Netzer pflegte sein Image als Lebemann und wurde zum ersten Popstar des Fußballs in Deutschland. Doch Netzer war auch schon immer ein Geschäftsmann und so stand er 1965 bei Gladbachs damaligem Manager Helmut Grashoff auf der Matte. Die Spieler der Bayern würden fast das vierfache verdienen wie er und das bei vergleichbarer Leistung. Da müsse es ihm gestattet sein sich anderweitig zu beschäftigen. Und so kam es das Netzer Herausgeber des noch heute erscheinenden Stadionheftes „Fohlen Echo“ wurde.

 Günter Netzer und sein bester Freund, der Ball

Für die Geschichtsbücher

Als verlängerter Arm des Trainers führte Netzer die Borussia 1970 zu deren erstem Meistertitel. 1971 gelang den Fohlen als erster Mannschaft überhaupt in der Geschichte der Bundesliga die Titelverteidigung. In der folgenden Saison holten sich zwar die Bayern den Titel, Netzer wurde jedoch zu Deutschlands Fußballer des Jahres gewählt. 1971 erlebte die Borussia einen legendären Abend im Europapokal. 7:1 fegte die Mannschaft, mit einem wie entfesselt spielenden Günter Netzer, die Stars von Inter Mailand vom Platz. Doch kurz gegen Ende des Spiels wurde das Spiel wegen eines Büchsenwurfs auf Inters Boninsegna abgebrochen und später wiederholt. Viele Experten bezeichnen Netzers Auftritt an diesem Abend als den besten seiner Karriere. Auch abseits des Rasens lies es Netzer weiterhin ordentlich krachen und eröffnete 1971 die Diskothek „Lovers Lane“.

Nach zehn Jahren bei der Borussia entschied sich Netzer seinen Stammverein zu verlassen und sich auf das Abenteuer Real Madrid einzulassen. Sein letztes Spiel für die Borussia sollte jedoch in die Geschichtsbücher eingehen. Im DFB-Pokalfinale 1973 verzichtete Trainer Hennes Weisweiler auf Netzer in der Startelf. Beim Stand von 1:1 kurz vor Beginn der Verlängerung dann das Unfassbare. Netzer wechselt sich kurzerhand selbst ein. Nur drei Minuten nach der Einwechslung erzielte Netzer den Siegtreffer zum 2:1. Ein Abgang wie im Bilderbuch und wieder mit dieser netzerschen Leichtigkeit des Seins. Als Lohn wurde der große Blonde zum zweiten Mal in Folge Fußballer des Jahres. Ein Kunststück das noch keiner vor ihm vollbracht hatte.

Ewiger Rivale

In der Nationalmannschaft konnte sich Netzer nie gemäß seiner enormen Fähigkeiten durchsetzen. Zwar debütierte er bereits 1965 bei einem Länderspiel gegen Österreich und das obwohl er erst ein halbes Jahr in der Bundesliga aktiv war. Doch unter Nationaltrainer Helmut Schön hatte fast immer der Kölner Wolfgang Overath die Spielmacherposition inne. Netzer kam ohne seine bekannten Gladbacher Kollegen, die sich für ihn auf dem Platz zerrissen, nicht klar und fühlte sich in der Nationalmannschaft nie so ganz heimisch. Ein Zwischenhoch durchlebte er jedoch bei der EM 1972. Endlich durfte Netzer zeigen was er konnte. Und wie er es zeigte! Das DFB-Team zeigte eine der besten Leistungen überhaupt und holte sich verdient den EM-Titel. Bei dem WM-Triumph 1974 im eigenen Land war Netzer jedoch wieder nur Bankdrücker und so fühlt er sich bis heute nicht so richtig als Weltmeister. Am 11. Oktober 1975 beendete Netzer nach einem 1:1 gegen Griechenland seine Karriere in der Nationalmannschaft.

 Bei der Europameisterschaft 1972 fphrte Netzer das DFB-Team zum Titel

Königliche Zeit

Am 12.Juni 1973 wurde der Vertrag von Netzer bei Real Madrid unter Dach und Fach gebracht. In Spaniens Hauptstadt erhielt Netzer ein für damalige Verhältnisse astronomisches Jahresgehalt von 295.000 DM. Nach anfänglichen Schwierigkeiten setzte sich Netzer auch bei den Königlichen durch und gewann 1974 den Pokal, 1975 das Double aus Meisterschaft und Pokal und 1976 erneut die Meisterschaft. Zur Saison 1974/75 wechselte Netzers Nationalmannschaftskollege und guter Freund Paul Breitner ebenfalls zu den Königlichen und die beiden bildeten ein kongeniales Duo.

Auch abseits des Rasens ging der Junggeselle Netzer im Haushalt von Breitner und dessen Frau ein und aus. Doch Hilde Breitners Kochkünste wurden Netzer schon bald zum Verhängnis. Madrids jugoslawischer Trainer Miljan Miljanic hatte seinen Konditionstrainer aus der Heimat mitgebracht. Dumm nur für den lauffaulen Netzer, dass dieser Konditionstrainer der ehemalige 5000-Meter-Meister seines Landes war. Nach dem morgendlichen Pflichtgang auf die Waage hieß es also für Netzer die zusätzlichen Pfunde abzutrainieren. Zwar schimpfte Netzer über die Tortur wie ein Rohrspatz, doch war er dadurch in ausgezeichneter körperlicher Verfassung. 1974 ließ sich der Deutsche beim Aktuellen Sportstudio blicken und versenkte mit traumwandlerischen Sicherheit fünf Schüsse am Stück auf die Torwand.

Nach drei erfolgreichen Jahren in Spanien wechselte der Spielmacher nach Zürich zu den Grashoppers und beendete nach nur einer Saison in der Schweiz 1977 seine aktive Karriere.

Erfolgreicher Manager

Bereits im selben Jahr bot er dem Hamburger SV an, dessen Stadionheft zu verlegen. Präsident Paul Benthien willigte ein, jedoch musste Netzer zusätzlich Manager der Hanseaten werden. Unter Manager Netzer folgte von 1978-1986 die erfolgreichste Zeit in der Geschichte des HSV. Der gewiefte Geschäftsmann verfiel auch in seiner Rolle als Manager nicht in blanken Aktionismus sondern bewies ein gutes Händchen und viel Übersicht. Er lotste Trainer Ernst Happel in die Hansestadt. Der Trainer erwies sich als Glücksgriff und holte mit seiner Mannschaft drei Meisterschaften und 1983 den Europapokal der Landesmeister.

Netzer war Zeit seines Lebens vom Glück geküsst. Das veranschaulichen zwei Ereignisse in seiner Zeit beim HSV. Ein jugendlicher Fan überreicht ihm eines Tages als Geburtstagsgeschenk ein Kuvert mit einem Lottoschein darin. Der Fan hatte stets die gleichen Zahlen getippt: Netzers Geburtstag (14.9.44), seine Länderspiele (37), seine Länderspieltore (6) und seine Schuhgröße (47). Netzer staunte nicht schlecht als er kurz darauf in die Zeitung blickte und die Lottozahlen verglich. Fünf Richtige mit Zusatzzahl ergaben einen Gewinn von 300.000 DM. 75.000 behielt Netzer für sich und 225.000 gab er zurück an den Fan.

Noch mehr Glück hatte Netzer als er auf einem Flug Richtung München einer jungen Dame begegnete. Netzer war auf dem Weg zu Jimmy Hartwig um den Mittelfeldspieler für den HSV zu gewinnen. Die junge Dame, die er nach einem kurzen Augenkontakt im Flugzeug auch später am Gepäckband wieder sah, wurde später seine Frau. Mittlerweile ist er mit dem damaligen Fotomodell über 30 Jahre verheiratet und hat mit ihr eine gemeinsame Tochter.

 Der ehemalige Lebemann ist ruhiger geworden

Konsequente Entscheidungen

Seine Karriere als Manager beim HSV beendete Netzer aus eigenen Stücken. Wieder hatte er das Gefühl am Höhepunkt seines Schaffens angekommen zu sein. Er beendete das Kapitel Netzer als Manager ein für allemal . Er wollte nie mit dem Lasso von der Bühne geholt werden. Lieber blieb er den Leuten positiv im Gedächtnis. Im Anschluss erheiterte er über viele Jahre die deutsche Fußballwelt als Länderspielexperte neben Gerhard Delling. Auch hier gelang es ihm spielerisch die Herzen der Zuschauer für sich zu gewinnen. Günter Netzer – ein Phänomen, mit dieser gar nicht deutschen Eigenschaft der Leichtigkeit des Seins.

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