Eric Cantona – The King

Bei Eric Cantona scheiden sich die Geister. Für die einen gilt der Franzose als einer der begnadetsten Fußballer – ein Poet auf dem Rasen. Für die anderen ist der ehemalige Weltklassestürmer ein brutaler Schläger, ein Monstrum. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. Der Faszination Cantona kann man sich aber mit Sicherheit nur schwer entziehen.

Ein Junge aus den Bergen

Eric Daniel Pierre Cantona erblickte am 24 Mai 1966 das Licht der Welt. Der Sohn eines Malers und einer Schneiderin wuchs mit seiner Familie in den Bergen im Gebiet von Marseille auf. Schon sein Wohnsitz dort war alles andere als gewöhnlich. Ein Teil der Behausung war ein ehemaliger Außenposten der Nazis im 2. Weltkrieg und wie ein Höhle in den Berg eingearbeitet. Als Eric zur Welt kam, hatten die Cantonas jedoch ein Haus an die Höhle heran gebaut und es sich halbwegs wohnlich eingerichtet. Sowohl die Familie seines Vaters, als auch die seiner Mutter waren Immigranten gewesen und waren von Unruhen in ihren Heimatländern geflüchtet. Sein streitbares Wesen war ihm also bereits in die Wiege gelegt.

Seine ersten Erfahrungen auf dem Fußballplatz sammelte Eric bei seinem Heimatverein SO Caillolais. Sein Vater spielte dort bereits als Torwart und so stand auch Eric zuerst zwischen den Pfosten. Doch schnell wurde klar, dass auf dieser Position sein kreatives und technisches Talent völlig verschenkt war und so setzte man ihn schnell als Stürmer ein.

 Bereits in jungen Jahren war Cantona ein sehr robuster Spieler

Enfant terrible

Cantonas erster Profiklub war der AJ Auxerre. Nach zwei Jahren in deren Jugendabteilung absolvierte Cantona am 5 November 1983 sein erstes Spiel für die Profis. 1984 musste Cantona seinen Militärdienst ableisten, seine Karriere musst also erst einmal warten. Nach seinem Dienst verlieh Auxerre den jungen Stürmer an den Zweitligisten Martigues.1986 wechselte Cantona zurück nach Auxerre und erhielt seinen ersten Profivertrag. Doch bereits 1987 fiel Cantona zum ersten Mal durch eine Undiszipliniertheit auf, als er seinem Teamkollegen Bruno Martini in einer Auseinandersetzungen ins Gesicht schlug. Ein Jahr später attackierte er seinen Gegenspieler Michel Der Zakarian vom FC Nantes mit einem Kung-Fu-Kick und wurde für drei Monate gesperrt. Doch Cantona war bereits ein wichtiger Spieler in der U21-Auswahl seines Landes und so drohte sein Verein damit, den Spieler nicht mehr für Länderspiele zur Verfügung zu stellen. Der Verband lenkte ein und reduzierte die Strafe auf zwei Monate.

1988 war Cantona Teil der U21-Auswahl Frankreichs, die die U21-Eurpameisterschaft holte. Im Viertelfinale des Turniers erzielte Cantona gegen England einen Hattrick. Spätestens jetzt waren auch die größeren französischen Klubs auf ihn aufmerksam geworden und Cantona wechselte für die Rekordsumme von 22 Millionen Francs zu seinem Lieblingsklub Olympique Marseille.

Doch Cantona hatte sein Temperament weiterhin nicht im Griff. In einem verbalen Ausbruch beschimpfte er den französischen Nationaltrainer Henri Michel live im TV als einen „Sack Scheiße“ und wurde für ein Jahr aus der Nationalmannschaft geworfen. Auch bei einem Freundschaftsspiel mit seinem neuen Verein gegen Torpedo Moskau verließen ihn alle guten Geister. Nach dem er nach einer schwachen Leistung ausgewechselt wurde, kickte er den Ball in die Zuschauerränge, zog sein Trikot aus und schmiss es auf den Boden. Sein Klub sperrte ihn für einen Monat. Schließlich wurde Cantona nach Bordeaux und später nach Montpellier verliehen. Auch in Montpellier geriet er mit einem seiner Mitspieler aneinander. Als ihm Jean-Claude Lemoult blöd kam, schmiss er seine Fußballschuhe in dessen Gesicht. Nach diesem Vorfall forderten sechs Spieler, dass man Cantona feuern sollte. Doch einige Spieler, darunter Laurent Blanc, setzten sich für das Enfant terrible ein und so wurde Cantona nur für 10 Tage vom Trainingsbetrieb ausgeschlossen. Doch auf dem Platz überzeugte Cantona seine Kritiker und spielte bei Montpellier eine wichtige Rolle beim Gewinn des französischen Pokals 1990. Marseille beobachtete seine Entwicklung ganz genau und holte den Franzosen zurück.

 Bei Montpellier spielte sich Cantona in die Herzen der französischen Anhänger

Rückkehr nach Marseille

Bei Marseille lief auf dem Platz alles wie am Schnürchen und Cantona gewann mit seiner Mannschaft den französischen Meistertitel. Doch der streitsüchtige Franzose legte sich mit Marseilles Vorsitzendem Bernard Tapie an und nach der Saison wurde Cantona nach Nimes transferiert.

Doch auch seine letzte Station in Frankreich war neben starken Leistungen auf dem Platz geprägt von Skandalen. Im Dezember 1991 warf er während einem Spiel mit seinem neuen Verein dem Schiedsrichter den Ball mitten ins Gesicht. Eine Entscheidung des Unparteiischen hatte Cantona gar nicht gepasst. Beim anschließenden Diziplinarverfahren setzte das Enfant terrible noch einen drauf. Nach dem der Ausschuss des französischen Verbandes eine einmonatige Sperre festgelegt hatte, ging Cantona zu jedem einzelnen anwesenden Verbandsmitglied und beschimpfte ihn als Idiot. So wuchs die Strafe auf zwei Monate an. Der Franzose hatte die Schnauze voll und erklärte seinen Rücktritt vom professionellen Fußball. In Frankreich wollte ihn eh keiner mehr haben.

Neustart in England

Doch wir würden wohl kaum ein Porträt über diesen Mann schreiben, wenn dies das Ende der Fahnenstange bedeutet hätte. Michel Platini, dem damaligen Nationaltrainer Frankreichs und glühendem Anhänger von Cantona, haben wir es zu verdanken, dass Cantona ein Comeback wagte. Cantonas Psychotherapeut riet ihm jedoch, seinen Neuanfang in einem anderen Land zu wagen, weg von den Problemen und Vorurteilen von daheim. In England solle er allen zeigen, was in ihm steckt.

Dank der tatkräftigen Unterstützung seines Mentors Platini, landete Cantona schließlich bei Leeds United. Der extrovertierte Cantona, der seinen Kragen immer hochstellte und mit stolzgeschwellter Brust auf dem Platz Eindruck schindete, schlug bei Leeds ein wie eine Bombe. Zwar schoss der junge Franzose in 15 Spielen nur drei Tore, doch durch seine großartige Übersicht und Technik gab er der Mannschaft das gewisse Etwas, das sie schon lange gesucht hatten. Cantona war bereits in seiner ersten Saison eine tragende Säule und half der Mannschaft, den englischen Meistertitel zu holen.

Zwar verstanden die Briten den exaltierten Franzosen, der in seiner Freizeit abstrakte Bilder malte und sich mit Poesie auseinandersetzte nicht von Beginn an. Auf dem Platz jedoch, war er das was sich die Briten schon lange erträumten. Ein Rebell, der dem steigenden Kapitalismus im englischen Fußball eine noch nie dagewesene Kombination aus spielerischer Eleganz und brutalem Kampf entgegensetzte. Und auch Cantona verlor sein Herz an die englischen Fans und fühlte sich schnell auf der Insel heimisch und ein Stück weit sogar verstanden. Die Fans huldigten ihrem neuen König und Cantona sagte in einem berühmten Zitat: „Ich weiß nicht warum, aber ich liebe euch.“ Dieses sich seinem inneren Instinkt nachgeben, machte das Spiel von Cantona unberechenbar. Man wusste nie, welche Seite des vielschichtigen Franzosen zum Vorschein kam, spannend war es jedoch allemal.

 Cantona kam, sah und siegte

König von Manchester

Ab der Saison 1992 veränderte sich einiges im englischen Fußball. Die altehrwürdige First Division wurde durch die neugegründete Premier League ersetzt und durch den Einzug des Bezahlfernsehens wurde Fußball immer mehr zu einem Produkt. Die Spieler wurden einem immer größer werdenden medialen Druck ausgesetzt und mit immer höheren Gehältern gelockt. Stehplätze wurden verboten und die Fans hatten große Sorge die Lust an ihrem Sport zu verlieren. Cantona war wie ein Segen für den englischen Fußball zu jener Zeit. Auch bei Manchester United standen die Zeichen auf eine Veränderung und so verpflichteten die Red Devils am 26. November 1992 Eric Cantona für gerade einmal 1,2 Millionen Pfund. Dabei war Cantona nur die dritte oder vierte Wahl von Trainer Alex Ferguson gewesen. Es sollte sich als einer der größten Glücksgriffe in der Geschichte des Vereins herausstellen.

Bis zu Cantonas Verpflichtung, spielte ManU eine bescheidene Saison und hinkte den Spitzenreitern Aston Villa und Blackburn Rovers hinterher. Doch Cantona belebte die schwache Offensive, erzielte wichtige Tore und setzte seine Mitspieler glänzend in Szene. Doch bei seiner Rückkehr ins Stadion von Leeds spuckte er einem Fan ins Gesicht und musste 1000 Pfund Strafe zahlen. Sportlich legte die Mannschaft jedoch eine großartige Aufholjagd hin. Seit Cantona in der Mannschaft war verlor United nur zwei Spiele und konnte sich am Ende der Saison zum ersten Mal seit langer Zeit zum englischen Meister krönen. Er wurde somit zum ersten Spieler der mit zwei unterschiedlichen englischen Klubs nacheinander Meister wurde.

Auch in der Folgesaison holte sich Manchester den Titel und Cantona war durch zwei verwandelte Elfmeter auch maßgeblich daran beteiligt, dass sich der Verein zusätzlich den FA-Cup sicherte. King Cantona erzielte wettbewerbsübergreifend 25 Treffer und wurde nach der Spielzeit zum Spieler der Saison gewählt. Ab der Saison 1993/94 gab es in der Premier League feste Rückennummern. Cantona sicherte sich die 7, die vor ihm bereits Klublegenden wie George Best und Bryan Robson getragen hatten.

 Auch im Trikot der Red Devils legte sich Cantona gerne mit den Unparteiischen an

Kung-Fu Fighter

Auch in der 1994-95-Saison sah es gut aus für United. Die Red Devils waren dem Spitzenreiter Blackburn Rovers dicht auf den Fersen und Cantona spielte auf höchstem Niveau. Der Franzose harmonierte dabei prima mit seinem neuen Sturmpartner Andy Cole. Doch dann geschah am 25 Januar 1995 etwas, dass Cantona zweifelhaften Ruhm auf der ganzen Welt einbrachte.

Beim Auswärtsspiel gegen Crystal Palace wurde Cantona nach einem Tritt gegen seinen Gegenspieler Richard Shaw vom Platz gestellt. Nichts neues für den Franzosen. Doch als er Richtung Spielertunnel plötzlich mit einem sehenswerten Kung-Fu-Kick einen Fan der Heimmannschaft attackiert, eskaliert die Situation. Der 20-Jährige Matthew Simmons, vorbestrafter Hilfsarbeiter mit rechtsextremen Ansichten, hatte Cantona und seine Mutter beleidigt. Später beichtete Simmons „hau ab nach Frankreich, du französischer Mutterficker“ gesagt zu haben. Nach dem Kick prügelte Cantona noch auf seinen Widersacher ein, ehe ihn United-Torhüter Peter Schmeichel und Trainer Alex Ferguson von seinem Opfer wegreißen konnten.

König der Möwen

Natürlich hatte die Aktion drastische Konsequenzen. Cantona wurde auf Körperverletzung angeklagt und musste 120 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten. Auf einer Pressekonferenz erwarteten die Medienvertreter einen reumütigen Sünder, der vor ihnen auf die Knie geht. Cantona hatte schon vor der Aktion ein sehr angespanntes Verhältnis zu den Medienvertretern gehabt und sich oftmals missverstanden gefühlt. In einem legendären Satz brachte er auf der Pressekonferenz zum Ausdruck, was er von den Medien und dem ständigen Druck den sie auf die Spieler ausübten hielt: „Die Möwen folgen dem Fischkutter, weil sie denken, dass Sardinen ins Meer geworfen werden. Vielen Dank.“ Dann stand Cantona auf und ging. Bis die Journalisten die versteckte Botschaft entschlüsselt hatten, war Cantona bereits über alle Berge. Später hat sich Cantona noch bei allen Beteiligten entschuldigt. Bei seinem Verein, bei seinen Mitspielern, bei den Fans. Doch bei Simmons selbst hat er sich nie entschuldigt und bezeichnet ihn noch heute als einen Hooligan.

Cantona wurde von der FIFA acht Monate für alle Wettbewerbe gesperrt und musste 10.000 Pfund zahlen. Sein Verein verhängte zusätzlich eine Geldstrafe in Höhe von 20.000 Pfund. Auch aus der französischen Nationalmannschaft flog Cantona hochkant raus. Ohne die Hilfe von Cantona verloren die Red Devils das Titelrennen gegen die Blackburn Rovers.

Rückkehr des Königs

Cantona dachte erneut über eine Karriereende nach, doch Alex Ferguson hielt noch immer zu dem Franzosen und überredete ihn nach seiner Zwangspause noch einmal zurückzukommen und es allen zu zeigen. Manchesters Mannschaft befand sich im Wandel. Viele altgedienten Profis beendeten ihre Karriere und eine neue Generation stand in den Startlöchern. Die Eigengewächse Ryan Giggs und David Beckham brachten alles mit, doch ihnen fehlte es noch an Erfahrung. Cantona strahlte die Sicherheit aus die ihnen noch fehlte und der König tat endlich das, was ein König tun sollte. Er regierte und delegierte und ging in der Schlacht in vorderster Front voran. Bei seinem Comeback-Spiel gegen Liverpool am 1. Oktober 1995 legte Cantona ein Tor vor und erzielte wenig später den Treffer zum 2:2-Ausgleich. Cantona wurde von Spiel zu Spiel stärker und führte ein hungriges Team zum Titelgewinn in der Meisterschaft. Die Rückkehr war triumphal geglückt. Auch den FA-Cup konnte sich das Team dank einem Siegtreffer von Cantona sichern und wurde so zur ersten Mannschaft die zweimal das Double holte.

In der nächsten Saison wurde Cantona sogar die Kapitänsbinde verliehen und das Team holte sich erneut den Meistertitel und beherrschte die Liga nach belieben. Cantona gewann somit seine vierte Meisterschaft mit Manchester in nur fünf Jahren. Doch wenn es am schönsten ist soll man aufhören und so beendete Cantona am 11. Mai 1997 seine Profikarriere.

Erfolglos mit Nationalmannschaft

Nach seinem Zerwürfnis mit Henri Michel spielte Cantona erst wieder eine Rolle in der Equipe tricolore als Michel Platini Nationaltrainer wurde. Doch unter Platini schied Frankreich bei der Euro 1992 in Schweden bereits in der Gruppenphase aus. Platini wurde nach dem Turnier durch Gerard Houllier ersetzt. Doch auch unter Houllier versagte das Team und konnte sich nicht für die WM 1994 qualifizieren. Unter dem neuen Trainer Jacquet war Cantona kurzzeitig sogar Kapitän, doch durch seinen Kung-Fu Kick gegen Simmons kickte er sich auch aus der Nationalmannschaft. Nach dem Ende seiner Sperre, hatten neue Spieler seine Rolle eingenommen und Cantona spielte nie wieder für sein Heimatland. Auch nicht bei der WM 1998 in Frankreich. Diese Zurückweisung nagt noch immer an Cantona und so feuerte er in den letzten großen Turnieren seine Wahlheimat England an.

 Mit Frankreich konnte Eric Cantona keine großen Titel feiern

Strandfußballer und Werbefigur

Kurz nach seinem Abschied von Mancheter United widmete sich Cantona dem Beachsoccer und half dabei mit Frankreich zu einer internationalen Größe in diesem Sport zu machen. Den Höhepunkt erreichte Cantona hierbei als Trainer der Franzosen beim Gewinn der Beachsoccer-WM 2005 in Rio de Janeiro.

Schon während seiner aktiven Karriere war er in einigen mittlerweile legendären TV-Spots von Nike zu sehen und auch nach seiner Karriere war er in einigen aufwendigen Werbungen für den Sportartikelhersteller zu sehen. Später entdeckte er auch seine Liebe zu Spielfilmen und war in einigen französischen Filmen zu sehen.

Mit Ehrungen überhäuft

Nach seiner aktiven Karriere erhielt Cantona zahlreiche Ehrungen. 2000 wurde er von den Anhängern von ManU zu deren wichtigstem Spieler des 20. Jahrhunderts gewählt. 2002 wurde er in die Hall of Fame Englands aufgenommen. 2003 wurde er zum besten ausländischen Spieler des Jahrzehnts gewählt. 2005 wurde er sogar bei einer Umfrage des Barclays Premiership Global Fans Report zum besten Premier-League-Spieler aller Zeiten gewählt.

Cantonas Karriere war nicht lang, doch hat er einen bleibenden Eindruck hinterlassen und wird auf ewig in den Herzen seiner Fans bleiben.

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